Carmen, die Stadtführerin

Carmen Finkenzeller schält sich aus ihrem Bett im Münchner Osten, bringt ihren kleinen Sohn in die Schule und macht sich auf den Weg in die Innenstadt. Sie ist Diplom-Geographin und hat an der Technischen Universität München studiert. Heute geht es bei ihrer Arbeit um Mythen, Fakten, Geschichte, Anekdoten und vor allem und hauptsächlich um München. Carmen ist jetzt über 25 Jahre Stadtführerin, also ein alter Hase im Geschäft. Sie macht das hauptberuflich, eine Seltenheit in ihrer Branche. Aber nicht nur Carmens Berufsleben ist vielseitig, auch der Beruf des Stadtführers an sich ist es. Sie beherrscht eine sehr große Bandbreite an verschiedensten Touren. Am liebsten sind ihr die Lügentour oder die Tour „Dort wo es „zünftig“ zugeht“, in der man mittelalterliches Handwerk entdeckt, aber auch bei den klassischen Touren beispielsweise durch die Altstadt oder Haidhausen kann man Carmen treffen. Eine ihrer interessantesten Touren ist die „Wunschtour”. Dieser Tour liegt die Frage zugrunde, mit der sie auch gerne ihre anderen Touren beginnt: die schlichte und einfache Frage, was ihre Gäste denn interessiert? Eine gefährliche Frage, da sie eine große Flexibilität und einen beeindruckenden Wissensschatz der Führerin voraussetzt. Diesen Wissensschatz erhält man durch eigene Recherche, die auch das aktuelle Zeitgeschehen im Blick haben sollte, und gerne auch durch Stadtführungen der Kollegen. 

Aber fangen wir doch einmal früher an. Wie kann man Stadtführer werden und was bedeutet es, ein Stadtführer zu sein? Bei Carmen ist es fast schon aus Zufall passiert. Jeder kennt es, alle Studenten brauchen mal einen Nebenjob, und als Carmen Werbung für die Führung von Jugendlichen durch München entdeckte, war sie sofort Feuer und Flamme. Schnell wurde aus einem Job ein Lebensmittelpunkt.  

Aber wer darf sich Stadtführer nennen und wer prüft die Qualität einer Führung und der Führenden? Die Antwort: jeder und niemand, Stadtführer*in ist in Deutschland kein geschützter Beruf, jeder darf sich Stadtführer nennen und als solcher praktizieren. Deswegen stellt auch jeder Anbieter seine eigenen Ausbildungskurse. Das hat zum einen Vorteile, wie eine ungemeine Freiheit der Anbieter und auch der Führer. Auf der anderen Seite gibt es keinerlei Qualitätskontrolle von außerhalb, weder bei der Ausbildung, noch bei den Führern selbst. Jeder kann sich Stadtführer nennen, was es für Kunden auch schwierig macht die Qualität beurteilen zu können.